Reportagen, Porträts, Kolumnen verlassen regelmässig die silberfedersche Mailbox. Aber nun ist ein Dokument in der Pipeline, grösser, umfassender als alles Bisherige: Der erste Nordkap-Sarganserland-Krimi, eine Co-Produktion mit Christian Ruch, erblickt Ende Oktober im Driftwood Verlag Chur das Licht der Welt.
Zum Inhalt: Ein Auslandschweizer wird tot auf der nördlichsten Landzunge Europas gefunden. War es ein Unfall? Ja, sagt die Rechtsmedizin. Nein, sagen Selina, die Tochter des Toten, und ihr Kindheitsfreund, der junge Dorfpolizist Einar. Und prompt stossen beide auf Ungereimtheiten – in Honningsvåg auf der Nordkap-Insel Magerøya genauso wie im 3500 Kilometer entfernten Sarganserland, Anrigs Heimat. Wer hat die Drohbriefe geschrieben? Was geschah vor 40 Jahren am Chapfensee? Muss man die Botschaften des Birkenholzes ernst nehmen? Was hat es mit dem nächtlichen Besucher der Männer-WG auf sich, und wer betreibt den geheimnisvollen Chapfensee-Account? Schliesslich nähert sich Selina einem dunklen Geheimnis ihres Vaters und bringt sich dabei selber in tödliche Gefahr.

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Vernissage: Freitag, 25. Oktober, 19 Uhr, Altes Kino Mels

A

Falls Sie ihn kennen, lassen Sie es mich wissen. Weshalb? Nun, weil Wolfgang einst ein Weihnachtsmärchen für mich wahr gemacht hat. Es ist lange her, aber wer weiss…

Hier ist die ganze, wahre Geschichte. Mit der Hoffnung, dass sie auf irgendeinem märchenhaften Weg zu Wolfgang gelangen möge. Vielleicht auch genau dank Ihnen? Ich hoffe. Und warte.

Lieber Wolfgang

Ich darf Sie doch Wolfgang nennen? Ihren Nachnamen habe ich mir nicht gemerkt. Ich weiss nicht einmal, ob es Sie noch gibt. Aber damals, da gab es Sie. Und es gibt diese Weihnachtsgeschichte, die Sie und ich teilen und die Sie womöglich längst vergessen haben.

Ich aber nicht. Ich denke jedes Jahr daran, immer dann, wenn die Tage Richtung Weihnachten galoppieren, wenn schon der frühe Nachmittag in die Dämmerung übergeht und der See schwarz wirkt im Dunkeln. 

Doch lassen Sie mich erzählen. 

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((Auf der Fähre von Romanshorn nach Friedrichshafen, an einem Samstag kurz vor Weihnachten 1988))

Die Autos an Deck sehen aus, als würden sie das sanfte Schaukeln geniessen. Vorne am Bug steht eine junge Frau. Der Dezemberwind fährt ihr scharf durchs Haar, sie bemerkt ihn nicht. Es knistert im Lautsprecher, dann sagt eine vertraute Stimme „Friedrichshafen“.

Sie geht als Erste von Bord, beschleunigt ihre Schritte. Jetzt nur noch durch den Zoll. Zoll! In diesem Augenblick realisiert sie es: Sie hat ID und Pass liegen gelassen, in ihrem Zimmer bei den Eltern auf dem Land. Heute aber kommt sie direkt von der WG in der Stadt.

„Ihren Ausweis bitte.“

Der Zollbeamte sieht freundlich aus.

„Es ist blöd, ich hab ihn vergessen.“

„Aha. Nun, dann nehmen Sie am besten die Fähre zurück nach Romanshorn.“

„Hören Sie, das geht nicht. Da hinten wartet mein Freund. Er wartet schon drei Wochen.“

Der Beamte schaut durchs kleine Fenster, sieht den hochgewachsenen jungen Mann am Scirocco stehen.

„Drei Wochen, soso“, murmelt er.

„Ich kann Ihnen einen Tagespass ausstellen. Sie müssen einfach heut mit der letzten Fähre zurück.“

„Heute noch? Ausgeschlossen. Das wäre in wenigen Stunden. Und zudem käme ich mit dem Zug gar nicht mehr nach Hause.“ Ihre Stimme klingt jetzt verzweifelt.

Der Zollbeamte legt den Kopf in den Nacken.

„Drei Wochen“, wiederholt er. 

Er schweigt eine Minute. Noch eine und noch eine.

„Haben Sie gar nichts dabei?“

„Mein Generalabonnement. Und den Schulausweis. Hier.“

Er wirft einen Blick darauf, macht eine Notiz. Zögert.

„Gut, ich lasse Sie ziehen. Unter zwei Bedingungen: Sie verlassen das Land nicht auf eigene Faust. Und morgen Abend, ehe Sie zurückreisen, kommen Sie zuerst zu mir ins Büro. Fragen Sie nach Wolfgang.“

„Oh. Ja, ja. Ja, klar. Mach ich. Danke. Danke. Danke!“

Sie stiebt davon, der Scirocco glänzt im trägen Dezemberlicht.

***

((Sonntagabend, deutscher Zoll))

„Hallo, ich soll mich bei Wolfgang melden.“

Die beiden Zollbeamten essen Pfeffernüsse.

„Bei Wolfgang, hm“, bemerkt der eine kauend. 

Der andere schüttelt den Kopf: „Der Wolfgang wieder!“

„He, Wolfgang, Besuch für dich.“

Der Beamte von gestern erscheint unter der Tür, fordert die junge Frau mit einem Kopfnicken auf, ihm in sein Kabäuschen zu folgen.

„Und? Schönes Wochenende gehabt?“

„Ja, danke nochmal.“

„Was haben Sie im Rucksack?“

„Mein Nachthemd.“

Er grinst.

„Nehmen Sie Platz.“

Schwungvoll setzt er sich auf den Bürostuhl, dreht ab Richtung Schreibmaschine, spannt ein Papier ein. Tippt im Adlersystem, hack, hack, hack.

Zieht das Papier heraus, liest, nimmt den Kugelschreiber, kritzelt seinen Namen, faltet den Brief, sucht ein Couvert, steckt ihn hinein.

„So. Das geben Sie den Schweizer Kollegen. Und jetzt raus mit Ihnen, die Fähre legt bald ab.“

„Danke!“

„Nichts zu danken! Und… -„

„Ja?“

„Fröhliche Weihnachten!“

***

((Schweizer Seite))

„Ausweis?“

„Ich hab Post für Sie. Von Wolfgang.“

Der Schweizer Beamte schaut irritiert.

„Dann kommen Sie mit, chömed Sie.“

Auf dem Bürotisch steht ein Adventsgesteck, eine Kerze brennt.

Der Beamte faltet das Papier auseinander.

Die Frau weiss, was er jetzt liest. Wort für Wort. 

„Liebe Kollegen von der Schicht zwo, weil bald Weihnachten und dergl. ist, habe ich dieses sympathische Frollein aus der Schweiz gestern „ohne“ einreisen lassen. Sie wollte zu ihrer Liebe und hatte den Ausweis vergessen. Bitte lasst sie auch jetzt ohne Probleme passieren. Es ist schliesslich die Zeit der Nächstenliebe und so weiter. Frohe Weihnachten, glückliches neues Jahr und kommt mal wieder auf ein Feierabendbier.

Euer Wolfgang von drüben.“

Der Schweizer Beamte lacht.

„Der Wolfi. Da haben Sie den Richtigen erwischt. In Ordnung. – Moment. Was führen Sie im Rucksack mit?“

„Mein Nachthemd. Möchten Sie es sehen?“

Er winkt ab: „Scho guet. Frohe Weihnachten!“

„Danke, gleichfalls. – Moment. Darf ich den Brief behalten?“

„Klar.“

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Erinnern Sie sich wieder, Wolfgang? So war das. Ich hab Ihren Brief lange aufgehoben. Sehr lange. Er überstand mehrere Umzüge. Doch irgendwann, irgendwo zwischen da und dort, ging er verloren.

Lieber Wolfgang, wo immer Sie gerade sind: Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten und dergl.

Und bedanke mich für das Weihnachtsgeschenk von damals.

Falls Sie das lesen: Melden Sie sich bei mir.

Ich lade Sie zu einem Feierabendbier ein.

Obwohl ich sonst gar nie Bier trinke.

Aber nach dreissig Jahren wäre es an der Zeit.

Hoffnungsvoll, das ausweislose Schweizer Frollein von damals.


… einen eigenen Weiher?
Ich schon. Wenigstens dank Photoshop.

Den Hidber-See gibt es so nicht. Aber immerhin elektronisch, dank der Kreativität von Ralph Dietrich, seines Zeichens Meister der Kreativagentur Crea Occhio in Bad Zurzach. (Ja, googeln Sie ihn ruhig mal.)

Das h aber gibt es. Es schwimmt seit zwei Jahren im Wiler Weier. Und hier hab ich mich nicht etwa vertippt: Die Wiler schreiben Weier beharrlich ohne h. Deshalb hat die Toggenburger Künstlerin Sonja Rüegg dem Weier den fehlenden Buchstaben h zurückgegeben.

Mit ihrer weissen Holzskulptur ging sie als Siegerin des Projekts „Kunst am Weier“ hervor.

Eigentlich hätte das h nur zwei Jahre sanft auf dem Weier schwimmen sollen. Aber inzwischen gefällt es den Wilern so sehr, dass sie sich ihren Weier oder eben Weiher nicht mehr ohne vorstellen können. Und auch ich erfreue mich auf meinen täglichen Kontrollgängen mit Hund daran.

Dann hätte ich da etwas für Sie. Einen Reisetipp Richtung Entschleunigung. Richtung Estland im Baltikum. Richtung Weite und Meer und Schlamm. Wie, Schlamm? Ja. Der Schlamm von Pärnu soll der Beste sein – so steht es geschrieben. Nun ist Papier geduldig, aber ich bin es auch. Ich hab den Schlamm getestet (in der Sauna und in der Massage), das legendäre Ostseebad, das Hedon Hotel & SPA und Pärnu, das St. Tropez von Estland, und es war wunderbar erholsam.

Falls Sie sich in Zeiten der Mailänderli und Lübecker Marizpan einen Moment mit dem Sommer befassen wollen: hier. Gönnen Sie sich eine Reise im Kopf ins Baltikum. Bilder und meine Reportage fürs Nordland-Magazin von Kontiki. Terve!

Gratistipp: Auf dem Hinweg unbedingt Saulkrasti kennenlernen. Liegt praktischerweise auf der Strecke, wenn Sie via Riga anreisen. (Riga, die Jugendstilstadt, ist auch ein sehenswertes Juwel, übrigens.) Ich sage nur: Wind im Haar. Die Sonnenküste von Lettland bietet nahezu unberührten Strand und goldene Dünen (vgl. die unteren Bilder).

Wenn Sie mich fragen: Ich glaube, das Baltikum ist die meist unterschätzte Reisedestination überhaupt. Über das Warum grüble ich noch. Wissen Sie es?

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… ist in den Medien so oft von den Taten der Männer die Rede?
Und so selten von Frauen?
Weshalb nur sind in Newsportalen Männer so präsent – und Frauen vor allem dann, wenn es um Schönheit, Diätrezepte oder Verbrechen geht?

Wo sind die Pilotinnen, Chefärztinnen, Erfinderinnen, Sportlerinnen? – Das fragte sich Verlegerin und Autorin Fatima Vidal aus Winterthur. Sie ist selber eine Frau der Tat, langes Fackeln liegt ihr nicht. „Wenn Frauen und ihre Leistungen auf Portalen untervertreten sind“, dachte sie sich, „dann schaffe ich halt eine eigene Plattform.“ 100frauen.ch heisst das Webprojekt einer Pionierin über Pionierinnen. Es sind Geschichten über Frauen, die Mut machen.

Mein Beitrag im Schweizer Freizeitmagazin active&live.

1_100_Frauen_die_Mut_machen_neu

 

… mit den Baumkronen wandeln.

Dieses spezielle Erlebnis bietet der Baumwipfelpfad in Mogelsberg – auch jetzt, wo das Laub weniger wird.
Mein Ausflugstipp in der aktuellen Ausgabe des Schweizer Freizeitmagazins „active & live“.

7_Baumwipfelpfad

… an meinem Beruf: Ich lerne neue Menschen und neue Welten kennen.
Konnten Sie zum Beispiel schon einmal einem Hammerschmied über die Schultern schauen?
Ich hatte dieses Vergnügen neulich in Mühlehorn GL, in der ältesten Hammerschmiede in Europa, die heute noch in Betrieb ist. Christian und Roswitha Zimmermann beleben die alten Mauern mit neuen Visionen – und das schon seit einem Vierteljahrhundert.

Meine Reportage erscheint im Schweizer Freizeitmagazin „active & live“, und zwar Anfang Dezember.
Dann, wenn wieder alle ihres eigenen Glückes Schmied sein wollen.
Christian Zimmermann weiss, wie es geht.